Integrationskraft

Keine Frage des Parfüms

Nur was reift, greift. Dieses Motto stand im vergangenen Herbst über der Schulungs- und Strategiekonferenz (SSK) der Pilgermission auf St. Chrischona. In einem Vorbereitungsmail an die Teilnehmer, also alle hauptamtlichen Mitarbeiter des Werkes, schrieb René Winkler: «Unsere Gemeindereife zeigt sich vor allem in der Integrationskraft». Was er damit meint, schreibt er hier.

René Winkler ist Leiter der Chrischona-Gemeinden Schweiz.
René Winkler

Nur was reift, greift. Und reif sind wir und unsere Gemeinden, wenn Ausschluss und Absonderung überwunden und wir ganz geworden sind. Menschen zu exkludieren wäre das genaue Gegenteil, sie zu separieren noch kein wirklicher Fortschritt. Integrieren ist das einzig Richtige, wenn wir es tun. Inklusion einst Fremder schliesslich ist die reife Frucht der Integration. Zu kompliziert? Ok. Dann gerne einige Erklärungen dazu. (Kursive Anmerkungen sind augenzwinkernd geschrieben!)

 



Exklusion (= Ausschluss) äussert sich zum Beispiel im Entschluss, nicht am Gemeinde-Wochenende teilzunehmen, wenn X auch kommt, und die Einladung in die Kleingruppe hartnäckig auszuschlagen, solange Y da rumsitzt. Exklusion äussert sich auch als Erleichterung, wenn der Penner vorbeischlurft und nicht durch die offene Tür in den Gottesdienstraum einbiegt oder uns beim Strasseneinsatz mit der Gemeinde keiner aus der Firma sieht.
Exklusion und wir? Exklusion ist nur zu 5% unser Problem, denn wir sind nie offensichtlich unanständig unfreundlich und ausschliessend.

Die Separation (= Absonderung) redet vorzugsweise in der dritten Person Einzahl oder Mehrzahl («die Neuen», «Sie haben angeblich noch Probleme, sich in der Gemeinde zurechtzufinden», «Ich wusste gar nicht, dass die Teenager immer noch keinen Leiter haben. Seit fünf Monaten schon nicht mehr, sagst du?»). Separation ist zuvorkommend («Guten Morgen, aber das hier ist eigentlich mein Platz»), entlastend («Familiengottesdienst? Gut, dann bleibe ich wieder mal etwas länger im Bett»), aufmerksam («Die Alten sitzen dort und wir Jungen immer da») und fördert den gabenorientierten Einsatz («Unser Jugendpastor kann sich am besten mit dem komischen Neuen unterhalten»).
Separation und wir? Separation ist nur etwa zu 15% unser Problem. Es könnte aber auch sein, dass das Problem grösser ist. Aber wir wickeln es in Humor und leben unverändert ganz gut damit.

Integration (= (Wieder)Herstellung des Ganzen) ist dann, wenn es für uns selbstverständlich ist und es selbstverständlich gut ist, dass X da ist, und dass Y wirklich fehlt, wenn sie nicht da ist. Wenn Z kommt, steht ihr Stuhl immer schon bereit. Integrierten wird selbstverständlich gedient, Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt und wenn nötig auch mal Geld und unter Umständen sogar gemeinsame Ferien. Mit Selbstverständlichkeit werden Integrierte gefragt, ob sie sich bitte auf der Putzliste eintragen würden. Integration ist Herzenssache und nur zu rund 12% eine physische Angelegenheit (zu 2% eine Frage des Parfüms, zu 3% eine der Pünktlichkeit – das heisst auch Südländer haben eine echte Chance –, zu 2,5% eine Frage des Duschrhythmus, zu 0,5% eine Frage, ob die Person ein oder zwei Stühle braucht, zu 3% entscheidet sich die Integration daran, dass die Gemeinde aus mehr als zwei Personen besteht und 1% reservieren wir noch für Unvorhergesehenes). Der Rest ist Liebe in verschiedenster Form – in Formen wie Aufmerksamkeit, Zuhören, Zeit, Anteilnahme, Grosszügigkeit, Vergebung, Interesse, Demut, Offenheit, Teilen, Sterben…!
Integration und wir? Menschen zu integrieren – uns selber und andere – ist für uns eigentlich kein Problem. Es fehlt uns oft einfach die Zeit.

Inklusion (= Dazugehörigkeit, Einbeziehung). Inkludierte Menschen sind völlig gleichwertig. Keiner von ihnen ist mehr Gast. Keine ist mehr die Neue. Niemand von ihnen braucht mehr Spezialerklärungen – etwa Sprachunterricht in Kanaanäisch oder Stammbaumzeichnungen zu den Gemeinde-Clans – damit er auch mitbekommt und versteht, worum es geht. Die Separationssprache ist verlernt. Man teilt selbstverständlich das Leben miteinander und hat keine Mühe, den Dienst voneinander in Anspruch zu nehmen. Keiner zuckt mehr innerlich zusammen, wenn ein anderer mehr Aufmerksamkeit oder Ehre bekommt. Inkludierte kennen die Gefährdungen und Hilflosigkeiten voneinander und streiten regelmässig. Und das ohne Angst, einander zu verlieren – wie Familienmitglieder.
Inklusion und wir? Mit Inklusion gibt’s kaum Probleme, denn das wollen wir selber eigentlich gar nicht.


Ein Vergleich: Eltern und Kinder

Reif sind wir und unsere Gemeinden, wenn Ausschluss und Absonderung überwunden und wir ganz geworden sind. Unsere Gemeindereife zeigt sich vor allem in der Integrationskraft. Ein Vergleich mag das verdeutlichen: Ein Ehepaar will Kinder. Eines Tages meldet sich tatsächlich ein Kind an. Die Eltern stellen sich voll auf die Geburt und ihr Kind ein, stellen ihre Wohnung und ihre Lebensgewohnheiten um, damit es dem Kind gut geht und es unter guten Bedingungen aufwächst. Eltern stecken ihre eigenen Ansprüche teilweise bis weitgehend zurück. Und es ist etwas vom Schönsten, wenn die Kinder dann selbständig ihr Leben in die Hand nehmen und Verantwortung übernehmen können. Was hat dieser Vergleich mit der Gemeinde und deren Reife zu tun? Wenn wir als Gemeinde Kinder (= Wiedergeburten/ Bekehrungen) wollen, werden wir uns einerseits darum bemühen, dass es dazu kommt. Und wenn es dazu kommt, werden wir andererseits unsere Gewohnheiten anpassen und unsere eigenen Ansprüche zurückstellen, damit das Neugeborene überlebt, wachsen und erwachsen werden kann. Die Erwachsenen, also die reifen, gestandenen Christen leisten die Anpassung, nicht die unreifen Neugeborenen. Die Liebe ist flexibel und selbstlos.

Anpassen aus Liebe

Entsprechend werden wir nicht sagen können: «Wenn es jemandem passt, kann er gerne kommen und dabei sein, aber wir werden uns nicht ändern oder gar aufgeben, was wir so (auf diese Art) lieben». Wir werden uns anpassen. Im Neuen Testament können wir in der Angelegenheit ein paar Lektionen lernen. Zum Beispiel in Philipper 2,3ff: «Weder Eigennutz noch Streben nach Ehre sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, seid bescheiden, und achtet den Anderen mehr als euch selbst…». Und in den Kapiteln 14 und 15 des Römerbriefs beschreibt Paulus, wie wir einander annehmen sollen, füreinander verantwortlich sein und uns ein Beispiel an Christus nehmen sollen, der auch nicht für sich selbst lebte. Ganz zu schweigen von Johannes 15,13: «Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für die Freunde hingibt», oder 1. Korinther 13, wo der Apostel Paulus schreibt, was das Wichtigste ist: nämlich die Liebe. Und die Liebe ist selbstlos. Wir werden uns also hier und da anpassen. Anpassen zum Beispiel an Formen der Gemeinschaft, an Kultur (z.B. Musik) und Sprache (Umgang, Verkündigung), an Lebensgewohnheiten (Gottesdienstzeiten, Freizeitgestaltung) und Finanzen (Kinder kosten Geld!). Unsere Gemeindereife zeigt sich vor allem in der Integrationskraft. Was es dazu braucht in unseren Gemeinden: Menschen, die Leben teilen (1. Thessalonischer 2,8) und Leben hingeben (Johannes 15,13). Integration ist eine Herzenssache – ich wiederhole mich hier gerne – und nur zu einem geringen Teil eine Frage des Parfüms oder der Pünktlichkeit. Der Hauptteil ist Liebe.

Quelle: Chrischona-Panorama 3/11

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